Mittwoch, 21. November 2012

Warum Haben Sie Angst Vor Uns Bloggern?


Das war nicht das erste mal, dass ein politischer Gefangener in Irans Gefängnissen unter Folter ermordet wurde.  Das war auch nicht das erste Mal, dass ein Blogger im Gefängnis ermordet wurde. Als 2009 Omid Reza Mir Safayi getötet wurde,waren die Reaktionen nicht so groß. Klar: die Medien im Ausland schlugen Alarm. Aber die iranische Medien im Iran trauten sich kein Wort zu schreiben, obwohl der Blogger gar nicht so unbekannt war.


Zwei Jahre später starb der politische Aktivist Hoda Saber in Folgen eines Hungerstreiks. Auch da waren die Reaktionen nicht so groß wie erwartet. Und es gab weitere Ermordungen der politischen Gefangenen, Kahrizak, etc. .

Sattar Beheshti war kein bekannter Blogger. Nachdem sie ihn getötet haben, haben sie sehr selbstsicher gesagt, seine Familie solle "ein Grab kaufen und die Leiche morgen abholen". Was ist schon passieren? Warum soll das Regime dieses mal bei einem unbekannten Blogger Angst haben?


Für Sattat eheshti und Andere,
von Mana Neyestani


Die ersten Reaktionen zu Sattar Beheshtis Tod, lösten weitere Reaktionen der Verantwortlichen aus

Ein iranischer Blogger (Imayan) schrieb folgerichtig: "wir haben es verdient so erniedrigt zu werden" ...

Allgemein dürfte es uns 'kritisch denkenden' Bloggern klar sein, dass jeder von uns 'der Nächste' sein kann. Und überhaupt wird sich niemand darüber wundern, wenn wir etwas über Sattar Beheshtis Fall schreiben. Aber die Reaktionen waren dieses mal größer:

Dieses Mal schrieben auch systemtreue Blogger  Artikeln über Sattar Beheshtis Fall. Einer der bekanntesten unter ihnen ist zweifellos der Blogger Omid Hosseini aus den Reihen der Hisbollah von Teheran. Er verlangte, dass die Verantwortlichen reagieren und 'Verantwortung' zeigen.  Und: "Sattar Beheshti war nur ein Blogger. Wie kann ein einfacher Blogger es verdient haben zu sterben? Heißt das, dass das Regime wegen eines Bloggers sich gefährdet fühlt?"

Auf einmal will ein parlamentarischer Ausschuss den vermuteten Foltertod des inhaftierten iranischen Bloggers Sattar Beheshti untersuchen! Nicht, dass man sich große Hoffnungen machen sollte. Aber es ist immerhin etwas. Das heißt, der Druck hat Wirkung gezeigt. Noch besser: die offizielle Zeitung der Islamischen Republik reagiert! Die Zeitung 'Islamische Republik' schrieb: "hätte man in Kahrizak Fall regiert, würde Sattar Beheshti nicht passieren". Die gleiche Zeitung spricht auf einmal über ein paar Gesetze der Verfassung der Islamischen Republik die bisher komplett vergessen wurden. Es handelt sich um Paragraphen, dass wir in diesem Blog bereits gelesen haben! Klar schrieb diese Zeitung auch jede Menge schrott, wichtig ist aber, dass auch ihre Leser über den Fall informiert werden.

Von Parlamentsabgeordneten kommen widersprüchliche Äußerungen zum Tod von Beheshti.. Der eine sagte, es gab keine Anzeichen von Folter. Der andere kritisiert das Schweigen der Anderen. Der erzkonservative Ahmad Tavakoli rief die Justiz auf, die Repressionen gegen Blogger einzustellen und sich auf korrupter Regierungsmitglieder zu konzentrieren! Seine Motivationen mögen uns an dieser Stelle egal sein. Wichtig ist nur, dass der Fall offiziell wurde. Das allein macht die Wiederholung solcher Fälle in der Zukunft unwahrscheinlicher.

Den Mördern auf den Spuren
von Mana Neyestani

Dann wird im Namen der Gerichtsmedizin geschrieben, dass die Untersuchungen des Todes von Sattar Beheshti durch seine Abteilung auf eine natürliche Todesursache hindeuteten. Laut der Webseite Kaleme aber bestreitet die Gerichtsmedizin dies und behauptet, Sattar Beheshtis Todesursache "dürfen wir nicht veröffentlichen".



Warum Haben Sie Angst Vor Uns?

Tag und Nacht schreiben Systemtreuen Autoren, wir gütig und fehlerfrei ihr Führer sei. Ajatollah Seyyed Ali Khamenei weigert sich seit dem Amtseintritt, Pressekonferenzen zu geben: Er muss keine Fragen beantworten. Mehrere iranische Blogger, sowohl unter echten als auch unter Pseudonym kritisieren aber den Führer täglich. Sattar Beheshti war einer von ihnen (seinen letzten Blog Beitrag können sie hier auf Englisch lesen). Journalisten wie Ahmad Zeidabadi und Saharkhiz sitzen deshalb seit Jahren im Gefängnis, weil sie alle erzählen, dass der Kaiser nackt ist.

Imayan schreibt darüber:
"Ohne die simplen Notizen der Blogger wären die Geheimnisse der Wahlmanipulation von 2009 nicht  aufgedeckt. Über die große und kleine Fehler des Revolutionsführers würde heute nicht so großflächig gesprochen. Und viele andere Dinge wären heute nicht passiert. Denkt daran, es gebe keine virtuelle Welt; wie viele Reaktionen gebe es in Sattar Beheshtis Fall? [...] Warum sind Mousavi und Karroubi im Hausarrest? Ich denke, die Demos von 25 Bahman waren nur ein Teil der Geschichte. Sie haben in ihren letzten Statements vom Regieren der Pharaonen gesprochen (Zitate aus dem Koran gebracht). D.h. sie haben Chamenei als Hauptproblem dargestellt, während sie anfänglich allgemeiner sprachen, d.h. vom System und solchen Wörtern Gebrauch machten."
Das sind alles Gründe, dass unsere Blogs im Iran gefiltert wurden (hier können sie nachsehen, welche Webseiten im Iran gefiltert sind). Deshalb haben sie Angst vor uns und aus dem gleichen Grund wollen sie, dass wir auch vor ihnen Angst haben. Warum soll ich lügen? Wir haben auch Angst vor ihnen. Es ist eine Sache, wenn sie mich verhaften würden und eine Andere, wenn sie mich an eine Decke hängen und bis zum Tod schlagen würden. Es gibt natürlich auch Blogger, die behaupten, dass sie keine Angst vor so etwas hätten, solche wie Dr. Khazali und  Nourizad. Den meisten aber fehlt heutzutage allein der Glaube!

Dienstag, 13. November 2012

Nasrin Sotoudeh darf ihre Kinder sehen

Julias Blog - 12. November 2012 – Eintrag aus der Facebook Seite von Reza Khandan, dem Ehemann der seit 27 Tagen im Hungerstreik befindlichen inhaftierten Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh, die derzeit im Geheimdiensttrakt 209 des Evin-Gefängnisses in Einzelhaft sitzt.

“Als Nima heute nach dem Besuch bei seiner Mutter wieder herauskam, wischte er sich als erstes den Kuss seiner Mutter von der Wange und sagte zu mir: ‘Mama hat gesagt, ich soll diesen Kuss aufheben und dir geben, wenn ich wieder draußen bin.’

Nach dem, was gestern passierte, haben sie uns vom Gefängnis aus gestern Abend angerufen und gesagt, wir sollten die Kinder hinbringen, sie könnten Nasrin besuchen. Die Kinder durften ihre Mutter ein paar Minuten lang an sehen, an einem anderen Ort als dem üblichen Besucherbereich und im Beisein von Sicherheitskräften. Die Kinder haben ihrer Mutter von der Schule erzählt, von den Hausaufgaben und was sie sonst so machen.

Leider durfte keiner von uns die Kinder zu Nasrin begleiten. Wir wurden nicht einmal mit ihnen ins Gefängnis hineingelassen, um uns zu vergewissern, dass sie von den Wachen am Eingang durchgelassen wurden.

Nasrins Hungerstreik geht weiter.”

Montag, 12. November 2012

Falsche Hoffnungen: Nasrin Sotoudeh darf am 26. Tag ihres Hungerstreiks ihre Kinder nicht sehen

Mehraveh and Nima Khandan

Julias Blog - Eintrag aus der Facebook-Seite von Reza Khandan (Ehemann der seit nunmehr 26 Tagen im Hungerstreik befindlichen und in Einzelhaft sitzenden Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh):

"Die Staatsanwaltschaft hat uns heute kontaktiert und mitgeteilt, dass die Kinder ihre Mutter besuchen und persönlich treffe dürfen. Gegen 13 Uhr gingen wir zum Büro der Staatsanwaltschaft am Teheraner Basar, um die Besuchserlaubnis abzuholen. Dann holten wir Mehraveh von der Schule ab und fanden uns pünktlich im Besucherbereich des Evin-Gefängnisses ein. Wir hatten auch Nima dabei, der erkältet ist.


Im Besucherbereich wurde uns mitgeteilt, dass wir zum Haupteingang des Gefängnisses gehen müssten. Normalerweise dürfen Gefangene ihre persönlichen Besuche empfangen, wenn [die Besucher] ein entsprechendes Schreiben vorlegen. Am Haupteingang legten wir den Brief mit der persönlichen Besuchserlaubnis vor. Nima, der an Asthma leidet, erlitt wegen seiner Erkältung und der schlechten Luft einen Hustenanfall.

Das Verwaltungsbüro des Gefängnisses schloss, und eine Stunde nach Ablauf der offiziellen Besuchszeit und langem Warten kehrten wir extrem enttäuscht nach Hause zurück, ohne Nasrin gesehen zu haben.

Die Kinder behielten das Gefängnistor dreieinhalb Stunden lang im Auge. Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, warteten sie geduldig darauf, dass ihre Namen gerufen würden und sie ihre Mutter sehen könnten. Aber nichts dergleichen geschah.

Es schien, als hätten sie alle zusammen dafür sorgen wollen, dass unsere Kinder heute leiden. Ich bin sicher, dass sie mit Nasrin in ihrer Gefängniszelle noch hässlichere Spiele treiben. Wenn sie das erfolgreich zu Ende gebracht haben, wird unser Land vermutlich blühen, unsere Wirtschaft wird boomen, Armut, Sucht und Arbeitslosigkeit werden ausgemerzt sein, und unser Land wird großartig dastehen vor der ganzen Welt!”

Reza Khandan
Teheran, 11. November 2012

Wenn Sie Nasrin Sotoudeh und ihre Familie helfen möchten, unterstützen Sie bitte die entsprechenden Aktionen von Amnesty International, z. B. hier. Vielen Dank!

Mittwoch, 7. November 2012

Sie töteten einen Blogger unter Folter

Folgende Meldung ist leider bestätigt worden. Sattars Familie gab bereits Interview zu Rooz Online und Saham News:

Julias Blog - Genau eine Woche nach seiner Verhaftung durch die iranische Cyber-Polizei ist der Arbeiteraktivist Sattar Beheshti an den Folgen der Folter im Gefängnis gestorben.

Beheshtis Schwester erklärte gegenüber Kalemeh, die Behörden hätten ihren Ehemann angerufen und ihn angewiesen, Beheshtis Mutter auf die Todesnachricht “vorzubereiten”.

“Sie sagten, er solle ein Grab kaufen und die Leiche morgen (am 7. November) abholen. Mehr nicht! Wir wissen nichts. Wir wissen nicht, warum sie ihn getötet haben oder was ihm genau zugestoßen ist. Wir wissen nicht, was passiert ist. Meinem Bruder ging es gut, als er das Haus verließ. Er ging auf seinen eigenen zwei Beinen. Jeder konnte sehen, dass er gesund war. Mein Bruder nahm nicht einmal Kopfschmerztabletten.”

“Sie haben uns gesagt, dass wir niemandem Interviews geben sollen”, ergänzte die Schwester. “Sie haben gesagt, dass er Herzprobleme hatte.”

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Sattar Beheshtis schrieb in seinem letzten Blog Artikel am 29. Oktober, dass er gedroht wurde: "Sag deiner Mutter, sie soll schwarz tragen, dein Maul ist zu groß, du redest zu viel. Ich sage, ich mache nichts, weshalb man meinen Mund zu machen müsste, Ich schreibe was ich höre und sehe, sie sagen wir machen das, worauf wir Bock haben. Ihr sollt still werden, sonst werdet ihr sterben ..."

Freitag, 2. November 2012

Nasrin Sotoudeh, Hungerstreik, Verhaftungen und Ein Paar Worte


Nasrin Sotoudeh ist aus Protest gegen die schlechte Behandlung ihres Mannes und ihrer beiden Kinder bereits seit 16 Tagen im Hungerstreik.

Es gibt immer wieder neue Verhaftungen der (z.B. diese Massenverhaftung, oder diese zwei Konvertiten, oder diese vier Facebook-Nutzer, oder diese 19 Bahais). Die Situation der politischen Gefangenen ist nicht gut. Solch eine Nachricht ist nichts neues:

Mehrere weibliche politische Gefangene sind aus Protest gegen jüngste Übergriffe der Gefängniswärter von Evin auf den Frauentrakt, bei dem weibliche politische Gefangene beleidigt und schikaniert wurden, in einen Hungerstreik getreten (mehr auf Julias Blog)
Heute kann ich diese politische Gefangene nicht befreien, wollte aber mal wieder ihren Namen auch hier erwähnt haben. Denn das ist was wir im Internet machen können: An sie denken und von ihnen erzählen. Als nächstes wollte ich mich bei Julia und Arshama dafür bedanken, dass sie immer noch täglich den deutschsprachigen Raum über die Ereignisse im Iran benachrichtigen.

Persönlich kann ich im persischsprachigen Raum viel effizienter arbeiten, werde aber weiterhin auch hier bloggen.